Relocation & Migration
8,2 Millionen wollen gehen – aber die Zahl ist nicht das eigentliche Problem
Klaus J. P.-Kilfitt · 20. August 2026 · 8 min read
8,2 Millionen erwachsene Deutsche planen laut einer repräsentativen INSA-Umfrage, innerhalb der kommenden fünf Jahre auszuwandern.
Das entspricht 14 Prozent der Erwachsenen. Bei den Jüngeren ist die Bereitschaft noch erheblich größer: Bei den 18- bis 29-Jährigen sind es bereits 24 Prozent. Bei den 30- bis 39-Jährigen sogar 27 Prozent – mehr als jeder Vierte.
Natürlich werden nicht 8,2 Millionen Menschen tatsächlich ihre Koffer packen. Zwischen einer erklärten Absicht und einem vollzogenen Wegzug liegen Job, Familie, Geld, Sprache, Aufenthaltsrecht – und manchmal schlicht der Mut zur Veränderung.
Wer die Zahl deshalb als unrealistisch abtut, übersieht jedoch den eigentlich bemerkenswerten Befund.
Millionen Menschen stellen Deutschland als Ort ihrer eigenen Zukunft inzwischen überhaupt zur Disposition.
Und ausgerechnet unter denjenigen, die jung und damit für die wirtschaftliche und demografische Zukunft eines Landes besonders relevant sind, ist diese Bereitschaft am höchsten.
Das sollte ein Land, das gleichzeitig über Fachkräftemangel, demografischen Wandel und fehlenden Nachwuchs klagt, interessieren.
Denn vielleicht ist die entscheidende Frage gar nicht, ob tatsächlich 8,2 Millionen gehen.
Sondern wer gehen kann – und warum inzwischen so viele darüber nachdenken.

8,2 Millionen sind keine Auswanderungsprognose
Beginnen wir mit der wichtigsten Einschränkung.
Eine Umfrage über Auswanderungsabsichten ist keine Prognose darüber, wie viele Menschen Deutschland tatsächlich verlassen werden.
Zwischen dem Gedanken an einen Wegzug und einem gepackten Umzugscontainer liegen erhebliche Hürden.
Beruf. Familie. Immobilien. Sprache. Aufenthaltsrecht. Kapital. Soziale Bindungen. Und nicht zuletzt die ganz persönliche Bereitschaft, ein vertrautes Umfeld tatsächlich hinter sich zu lassen.
Deshalb wäre es unseriös, aus 8,2 Millionen Auswanderungswilligen 8,2 Millionen zukünftige Auswanderer zu machen.
Aber genau deshalb ist die Zahl nicht bedeutungslos.
Sie misst etwas anderes.
Sie zeigt, wie viele Menschen Deutschland in ihrer persönlichen Lebensplanung inzwischen nicht mehr als alternativlos betrachten.
Und genau darin liegt der bemerkenswerte Befund.
Je jünger, desto größer die Bereitschaft
Besonders auffällig wird das Ergebnis, wenn man nicht nur auf die Gesamtsumme blickt.
INSA weist eine deutliche Altersabhängigkeit aus.
Während insgesamt 14 Prozent der erwachsenen Deutschen angeben, innerhalb der kommenden fünf Jahre auswandern zu wollen, sind es bei den 18- bis 29-Jährigen bereits 24 Prozent. Bei den 30- bis 39-Jährigen liegt der Wert sogar bei 27 Prozent – mehr als jeder Vierte.
Danach sinkt die Auswanderungsabsicht mit zunehmendem Alter deutlich:
Bei den 40- bis 49-Jährigen sind es 15 Prozent, bei den 50- bis 59-Jährigen 12 Prozent, bei den 60- bis 69-Jährigen 8 Prozent und bei den über 70-Jährigen nur noch 4 Prozent.
Das ist wenig überraschend und trotzdem von erheblicher Bedeutung.
Mit zunehmendem Alter wachsen meist die Bindungen an einen Standort. Immobilien, Familie, berufliche Positionen und soziale Netzwerke machen einen grundlegenden Wechsel schwieriger.
Für jüngere Menschen gilt häufig das Gegenteil.
Vor allem aber haben sie einen erheblich größeren Teil ihres wirtschaftlichen Lebens noch vor sich.
Ein Land hat deshalb nicht erst dann ein Problem, wenn seine jungen Menschen tatsächlich gehen.
Es hat bereits eines, wenn ein erheblicher Teil von ihnen seine Zukunft lieber anderswo sieht.
Denn Zukunftserwartungen beeinflussen Entscheidungen lange bevor sie in einer Wanderungsstatistik auftauchen.
Wo studiere ich?
Wo beginne ich meine Karriere?
Wo gründe ich ein Unternehmen?
Wo investiere ich?
Wo möchte ich meine Kinder großziehen?
Und irgendwann:
Wo möchte ich überhaupt leben?
Entscheidend ist nicht nur, wie viele gehen
Bereits bei unserem Blick auf 200 Jahre deutsche Auswanderung zeigte sich eine Besonderheit der heutigen Entwicklung:
Deutsche Auswanderer sind keineswegs ein repräsentativer Querschnitt der Bevölkerung.
Untersuchungen zufolge verfügen rund drei Viertel über einen Hochschulabschluss. Jüngere und Hochqualifizierte sind unter den Auswanderern deutlich überrepräsentiert.
Das hat auch einen einfachen Grund.
Auswandern muss man sich leisten können – und zwar nicht nur finanziell.
Ein international verwertbarer Beruf schafft Möglichkeiten.
Fremdsprachen schaffen Möglichkeiten.
Kapital schafft Möglichkeiten.
Unternehmerische Erfahrung schafft Möglichkeiten.
Ein ortsunabhängiges Geschäftsmodell schafft Möglichkeiten.
Je mobiler ein Mensch wirtschaftlich und beruflich ist, desto realer wird seine Alternative.
Damit bekommt die Frage nach den 8,2 Millionen eine zweite Dimension.
Für ein Land ist nicht nur entscheidend, wie viele Menschen über Auswanderung nachdenken.
Entscheidend ist auch, welche Menschen ihre Überlegungen tatsächlich umsetzen können.
Gerade für einen hoch entwickelten Sozialstaat ist diese Frage von erheblicher Bedeutung. Denn dessen langfristige Funktionsfähigkeit hängt nicht allein von der Einwohnerzahl ab, sondern ebenso von wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit, Produktivität und der Fähigkeit seiner Bevölkerung, die dafür notwendigen Ressourcen zu erwirtschaften.
Eine Wanderungsbilanz nach Köpfen erzählt deshalb nur einen Teil der Geschichte.
Warum wollen Menschen überhaupt weg?
Die öffentliche Debatte über Auswanderung aus Deutschland konzentrierte sich lange stark auf das Thema Steuern.
Natürlich spielen Steuern und Abgaben weiterhin eine Rolle.
Aber zumindest in unseren Beratungsgesprächen erleben wir seit einigen Jahren eine deutliche Verschiebung.
Menschen sprechen mit uns über ihre wirtschaftlichen Zukunftsaussichten.
Unternehmer über Regulierung, Bürokratie und die Frage, ob Investitionen in Deutschland oder Europa langfristig noch sinnvoll sind.
Junge Berufstätige über Karrierechancen und darüber, wo die Branchen wachsen, in denen sie ihre Zukunft sehen.
Eltern über Schulen, Bildung und die Perspektiven ihrer Kinder.
Andere beschäftigen politische und gesellschaftliche Entwicklungen, persönliche Freiheitsräume, Sicherheit oder die zunehmenden geopolitischen Spannungen in Europa.
Diese Erfahrungen aus unserer Beratung sind keine repräsentative Bevölkerungsumfrage.
Aber sie zeigen, weshalb die verbreitete Vorstellung vom Auswanderer, der hauptsächlich seine Steuerlast reduzieren möchte, zu kurz greift.
Menschen entscheiden nicht anhand eines einzelnen Steuersatzes darüber, in welchem Land sie ihr Leben verbringen wollen.
Sie beurteilen ein Gesamtpaket.
Wirtschaftliche Perspektive. Persönliche Freiheit. Sicherheit. Bildung. Lebensqualität. Zukunftserwartung.
Und letztlich eine sehr persönliche Frage:
Glaube ich, dass meine Zukunft hier besser wird – oder anderswo?
Eine Zahl – viele Fragen
Genau deshalb wäre es falsch, sämtliche Motive in einen einzigen Artikel zu pressen.
Hinter den 8,2 Millionen verbergen sich sehr unterschiedliche Entscheidungen und Lebenssituationen.
Und hinter ihnen stehen Fragen, die jeweils eine genauere Betrachtung verdienen.
Welche wirtschaftlichen Perspektiven bietet Deutschland jungen und hochqualifizierten Menschen?
Wie wirken Regulierung und Bürokratie auf Unternehmer und Innovation?
Welche Rolle spielen Bildung und die Zukunft der eigenen Kinder?
Wie verändert sich das subjektive Empfinden persönlicher Freiheit?
Welche Bedeutung haben Sicherheits- und Kriegsängste?
Und welche Rolle spielen Steuern und Abgaben tatsächlich noch?
Die INSA-Umfrage beantwortet diese Fragen nicht.
Sie liefert einen ziemlich guten Grund, sie zu stellen.
Der Befund steht nicht allein
Dass es sich dabei nicht lediglich um eine Besonderheit dieser einen Befragung handelt, zeigen weitere aktuelle Untersuchungen.
Auch das Deutsche Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) kam Anfang 2026 in einer repräsentativen Untersuchung zu dem Ergebnis, dass Auswanderung für einen erheblichen Teil der Bevölkerung grundsätzlich denkbar ist.
Die Fragestellung und damit auch die ermittelten Werte unterscheiden sich von der INSA-Erhebung und sind deshalb nicht unmittelbar miteinander vergleichbar.
Aber die grundsätzliche Tendenz ist dieselbe:
Ein bemerkenswerter Teil der Menschen in Deutschland beschäftigt sich inzwischen mit der Möglichkeit, sein Leben anderswo fortzusetzen.
Die INSA-Zahlen stehen also nicht isoliert.
Aber Menschen gehen nicht nur weg
Wer ausschließlich nach den Problemen Deutschlands fragt, betrachtet Auswanderung trotzdem nur von einer Seite.
Menschen verlassen einen Ort nicht nur, weil ihnen dort etwas fehlt.
Sie entscheiden sich gleichzeitig für etwas anderes.
Für bessere berufliche Möglichkeiten.
Für unternehmerische Freiheit.
Für mehr persönliche Gestaltungsspielräume.
Für ein Bildungssystem, das besser zu den Vorstellungen einer Familie passt.
Für Sicherheit.
Für Lebensqualität.
Für niedrigere Lebenshaltungskosten.
Oder schlicht für ein gesellschaftliches und wirtschaftliches Umfeld, in dem sie ihre persönliche Zukunft optimistischer beurteilen.
Auswanderung entsteht deshalb meistens aus dem Zusammenspiel zweier Kräfte:
Push und Pull.
Etwas lässt einen Menschen über das Gehen nachdenken.
Und etwas anderes sorgt dafür, dass aus diesem Gedanken irgendwann eine reale Alternative wird.
Auch die DeZIM-Untersuchung liefert dafür einen interessanten Hinweis: Die Hoffnung auf eine bessere Lebensqualität gehört zu den wichtigen Motiven hinter Auswanderungsüberlegungen.
Das ist eine entscheidende zweite Perspektive.
Wer nur fragt, warum Menschen Deutschland verlassen wollen, übersieht die Hälfte der Entscheidung.
Die Entscheidung fällt nicht allein auf der Seite der Brücke, die man verlässt. Sie fällt auch aufgrund dessen, was man auf der anderen Seite erwartet.
Vielleicht gehen niemals 8,2 Millionen
Vielleicht werden aus den 8,2 Millionen am Ende zwei Millionen.
Vielleicht eine Million.
Vielleicht deutlich weniger.
Niemand kann das heute seriös vorhersagen.
Für die gesellschaftliche Diagnose ist das beinahe zweitrangig.
Denn die bemerkenswerte Nachricht dieser Umfrage lautet nicht, dass in den kommenden Jahren zwangsläufig Millionen Deutsche ihre Koffer packen werden.
Sie lautet:
Millionen Menschen betrachten Deutschland nicht mehr selbstverständlich als den Ort, an dem sie ihre Zukunft verbringen wollen.
Besonders aufmerksam sollte man dabei auf diejenigen schauen, die jung, qualifiziert und international mobil genug sind, aus einem Gedanken tatsächlich eine Entscheidung zu machen.
Ein Land, das gleichzeitig über Fachkräftemangel, demografischen Wandel und mangelnde Innovationskraft diskutiert, sollte sich deshalb vielleicht weniger darüber wundern, dass Menschen gehen wollen.
Es sollte sich fragen, warum.
Und ebenso wichtig:
Was finden diese Menschen anderswo, das sie zu Hause zunehmend vermissen?
Sources & further data
- INSA – „Jeder Siebte will auswandern“ (2. August 2026) — Repräsentative INSA-Umfrage zu Auswanderungsabsichten – zentrale Datengrundlage dieses Artikels
- Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) — Repräsentative Untersuchung zu Auswanderungserwägungen in Deutschland, Januar 2026 – abweichende Fragestellung, ergänzende Einordnung
- Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) — German Emigration and Remigration Panel Study (GERPS)
- Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) — Daten und Einordnung zur Auswanderung deutscher Staatsangehöriger und zur Qualifikationsstruktur deutscher Auswanderer
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