Wegzug & Migration

Warum Deutsche gehen – eine Geschichte, die älter ist als die Bundesrepublik

Klaus J. P.-Kilfitt · 20. August 2026 · 7 Min. Lesezeit

Auswanderung ist wieder ein Thema in Deutschland. Und wer die aktuelle Diskussion verfolgt, könnte leicht den Eindruck gewinnen, hier geschehe etwas völlig Neues.

Das Gegenteil ist der Fall.

Seit mehr als 200 Jahren verlassen Menschen Deutschland in großer Zahl, wenn sie anderswo bessere Perspektiven für sich und ihre Familien sehen. Im 19. Jahrhundert waren es häufig wirtschaftliche Not, fehlende Perspektiven, politische Unfreiheit oder die Folgen von Krisen und Konflikten, die Menschen zum Aufbruch bewegten.

Heute sehen die Auswanderer anders aus. Deutschland verlassen überproportional häufig gerade jene, die besonders gut ausgebildet und international mobil sind. Rund drei Viertel der deutschen Auswanderer verfügen Untersuchungen zufolge über einen Hochschulabschluss – in der nicht mobilen deutschen Bevölkerung ist es nur etwa ein Viertel.

Kurz gesagt: Es gehen auffällig häufig diejenigen, die gehen können.

Die Auswanderer haben sich verändert. Manche Gründe wirken dagegen erstaunlich vertraut.

Wirtschaftliche Perspektiven, politische Rahmenbedingungen, persönliche Freiheit, Sicherheit und die Zukunft der eigenen Kinder beeinflussen auch heute die Frage, ob Menschen ihr weiteres Leben dort verbringen wollen, wo sie geboren wurden.

Die Geschichte wiederholt sich nicht. Aber manchmal stellt sie erstaunlich ähnliche Fragen.

Entwicklung der deutschen Auswanderung 1820 bis heute – jährliche absolute Fortzüge deutscher Staatsangehöriger
Quellen: GESIS Histat (historische Daten bis 1950); Statistisches Bundesamt (Destatis), Wanderungsstatistik (ab 1950).

Deutschland war einmal ein Auswanderungsland

Wer heute über Migration in Deutschland spricht, denkt meistens an Einwanderung. Spätestens seit der Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte in der jungen Bundesrepublik wird die deutsche Migrationsgeschichte vor allem als Geschichte der Zuwanderung wahrgenommen.

Historisch ist diese Perspektive bemerkenswert jung.

Über weite Teile des 19. Jahrhunderts war Deutschland ein bedeutendes europäisches Auswanderungsgebiet. Millionen Menschen suchten insbesondere jenseits des Atlantiks eine neue Zukunft.

Die historische Entwicklung zeigt dabei keine kontinuierliche Bewegung, sondern ausgeprägte Wellen.

Das ist wenig überraschend. Menschen verlassen ihre Heimat nicht nach einem demografischen Fahrplan.

Sie reagieren auf ihre Lebensbedingungen.

Missernten und wirtschaftliche Not spielten eine Rolle, ebenso Bevölkerungsdruck und fehlende Erwerbsmöglichkeiten. Politische und religiöse Konflikte kamen hinzu. Nach dem Scheitern der Revolution von 1848/49 verließen auch politisch Verfolgte und enttäuschte Anhänger der revolutionären Bewegung die deutschen Staaten.

Die konkreten Motive waren unterschiedlich. Dahinter stand jedoch immer wieder dieselbe persönliche Abwägung:

Welche Perspektive habe ich hier – und welche könnte ich anderswo haben?

Von der Notwendigkeit zur Option

Natürlich wäre es falsch, den deutschen Auswanderer des 19. Jahrhunderts mit einem heutigen Unternehmer, Selbständigen oder hochqualifizierten Arbeitnehmer gleichzusetzen, der seinen künftigen Lebensmittelpunkt international wählen kann.

Die Voraussetzungen könnten unterschiedlicher kaum sein.

Eine Atlantiküberfahrt im 19. Jahrhundert bedeutete häufig einen radikalen und schwer umkehrbaren Einschnitt. Kommunikation war langsam, Reisen teuer und eine Rückkehr keineswegs selbstverständlich.

Heute können Unternehmen über Kontinente hinweg geführt werden. Familien kommunizieren täglich per Video. Kapital, Arbeit und teilweise sogar der gesamte Beruf sind international mobil geworden.

Auswanderung muss deshalb heute keine endgültige Trennung mehr bedeuten.

Vor allem aber hat sich verändert, wer überhaupt über eine realistische Exit-Option verfügt.

Untersuchungen deutscher Auswanderer zeigen eine ausgesprochen starke soziale Selektivität. Etwa drei Viertel verfügen über einen Hochschulabschluss. Akademiker sind unter ihnen damit ungefähr dreimal so häufig vertreten wie in der nicht mobilen Bevölkerung. Auch jüngere Menschen sind überproportional vertreten.

Deutschland verliert also nicht einfach Einwohner.

Es verlassen überproportional häufig Menschen das Land, in deren Ausbildung und Qualifikation zuvor erheblich investiert wurde und die aufgrund genau dieser Qualifikation anderswo besonders gute Chancen haben.

Das ist ein bemerkenswerter Unterschied zu großen Teilen der historischen Auswanderung.

Damals zwang fehlende wirtschaftliche Perspektive viele Menschen dazu, ihre Möglichkeiten anderswo zu suchen.

Heute ermöglicht wirtschaftliche und berufliche Stärke vielen überhaupt erst, diese Entscheidung frei zu treffen.

Oder anders formuliert:

Aus der Notwendigkeit auszuwandern ist für einen Teil der Bevölkerung die Möglichkeit geworden, sich gegen einen Standort zu entscheiden.

Brain Drain – oder nur eine Runde um die Welt?

Allerdings wäre es voreilig, aus dem hohen Bildungsniveau deutscher Auswanderer unmittelbar einen dauerhaften Brain Drain abzuleiten.

Frühere Untersuchungen zeigten nämlich noch eine andere Seite: Auch unter den nach Deutschland Zurückkehrenden waren Hochqualifizierte stark überrepräsentiert.

Die Forschung sprach deshalb eher von „Brain Circulation“ als von einem dauerhaften Verlust von Humankapital.

Das ergibt durchaus Sinn.

Ein Ingenieur, der einige Jahre im Ausland arbeitet, eine Wissenschaftlerin mit einer Forschungsstelle außerhalb Deutschlands oder ein Manager, der für einige Jahre eine internationale Niederlassung übernimmt, taucht zunächst ebenfalls in der Auswanderungsstatistik auf.

Kommt diese Person später zurück, hat Deutschland nicht zwingend Humankapital verloren. Im Idealfall bringt sie sogar zusätzliche internationale Erfahrung mit.

Nur gibt es bei dieser beruhigenden Interpretation einen Haken:

Ein erheblicher Teil der Forschung, auf der diese Einschätzung beruht, beschreibt Menschen, die Deutschland bereits vor mehreren Jahren verlassen haben. Die große GERPS-Untersuchung etwa betrachtete Aus- und Rückwanderer aus den Jahren 2017 und 2018.

Ob Menschen, die heute über einen Wegzug nachdenken, mit derselben Selbstverständlichkeit von einer späteren Rückkehr ausgehen, ist damit noch lange nicht beantwortet.

Die Statistik zählt Bewegungen – keine Motive

2025 registrierte das Statistische Bundesamt 288.579 Fortzüge deutscher Staatsangehöriger ins Ausland. Gleichzeitig zogen 191.890 Deutsche aus dem Ausland nach Deutschland. Daraus ergibt sich ein negativer Wanderungssaldo von 96.689 Personen.

Bemerkenswert ist dabei weniger ein einzelnes Jahr als die langfristige Entwicklung: Bei deutschen Staatsangehörigen weist die amtliche Statistik bereits seit 2005 durchgehend eine Nettoabwanderung aus.

Doch auch diese Zahlen erzählen nur einen Teil der Geschichte.

Denn die Menschen, die 2025 nach Deutschland zurückkehrten, sind nicht dieselben Menschen, die das Land 2025 verlassen haben.

Unter den Rückkehrern können Deutsche sein, die einige Jahre zuvor für Studium oder Beruf ins Ausland gegangen waren. Andere haben vielleicht Jahrzehnte außerhalb Deutschlands gelebt.

Der Wanderungssaldo verrechnet diese völlig unterschiedlichen Biografien miteinander.

Für die demografische Bilanz ist das sinnvoll.

Für die Frage, was gerade in den Köpfen der Menschen passiert, ist es nur begrenzt aussagekräftig.

Die Statistik kann zählen, wie viele Menschen eine Grenze überschreiten.

Sie kann kaum beantworten, warum sie gehen – und ob sie vorhaben zurückzukommen.

Die Menschen ändern sich. Manche Motive erstaunlich wenig.

Genau hier wird der Blick über zwei Jahrhunderte interessant.

Die Lebensbedingungen des 19. Jahrhunderts mit denen des Jahres 2026 gleichzusetzen, wäre historisch absurd.

Aber daraus folgt nicht, dass es keine Parallelen gibt.

Menschen beurteilen ihre wirtschaftlichen Perspektiven. Sie fragen sich, welche beruflichen Möglichkeiten ihnen und ihren Kindern offenstehen. Sie reagieren auf politische Entwicklungen, gesellschaftliche Veränderungen, persönliche Freiheitsräume, Sicherheit, Krisen und drohende Konflikte.

Und sie vergleichen diese Bedingungen mit den Möglichkeiten anderswo.

In unserer Beratung erleben wir dabei heute immer wieder, dass ein möglicher Wegzug längst nicht hauptsächlich mit dem Thema Steuern begründet wird.

Unternehmer sprechen über wirtschaftliche Rahmenbedingungen und Regulierung. Junge Menschen über berufliche Zukunftsperspektiven. Eltern über Bildung und die Zukunft ihrer Kinder. Andere über politische Entwicklungen, persönliche Freiheit oder die zunehmenden geopolitischen Spannungen in Europa.

Das sind Erfahrungen aus unserer Beratungspraxis, keine repräsentative Bevölkerungsstatistik.

Aber sie zeigen, weshalb es sich lohnt, hinter die Wanderungszahlen zu schauen.

Denn möglicherweise verändert sich nicht nur die Zahl der Menschen, die Deutschland verlassen.

Möglicherweise verändert sich gerade auch der Charakter dieser Auswanderung.

Menschen fliehen nicht nur vor etwas

Bei aller Diskussion über die Gründe, Deutschland zu verlassen, darf eine zweite Hälfte der Geschichte nicht fehlen.

Menschen gehen nicht nur, weil sie etwas ablehnen.

Sie gehen auch, weil sie anderswo etwas finden.

Berufliche Möglichkeiten. Unternehmerische Freiheit. Ein anderes Bildungssystem. Sicherheit. Lebensqualität. Geringere Lebenshaltungskosten. Persönliche Freiräume. Ein gesellschaftliches Umfeld, das besser zu den eigenen Vorstellungen passt.

Push- und Pull-Faktoren lassen sich dabei kaum voneinander trennen.

Eine schwache wirtschaftliche Perspektive wird schließlich erst dann zum Auswanderungsmotiv, wenn anderswo eine bessere existiert. Regulierung bekommt zusätzliches Gewicht, wenn ein anderer Standort mehr unternehmerischen Spielraum bietet. Unzufriedenheit mit dem Bildungssystem wird zur konkreten Handlungsoption, sobald Eltern erkennen, welche Alternativen ihren Kindern offenstehen.

Vielleicht liegt darin die größte Konstante von zwei Jahrhunderten deutscher Auswanderung:

Entscheidend ist nicht, ob ein Land objektiv „gut“ oder „schlecht“ ist. Entscheidend ist, ob Menschen zu dem Ergebnis kommen, ihre Zukunft anderswo besser gestalten zu können.

Was aber, wenn aus Mobilität Abkehr wird?

Die historische Statistik zeigt, dass hohe Auswanderungszahlen aus Deutschland keineswegs neu sind.

Die bisherige Forschung liefert zudem gute Gründe, nicht jeden Fortzug eines Hochqualifizierten automatisch als dauerhaften Verlust zu betrachten.

Aber Vergangenheit ist keine Garantie für die Zukunft.

Entscheidend wäre deshalb heute nicht nur zu wissen, wie viele Deutsche das Land verlassen.

Wir müssten wissen, wie viele inzwischen ernsthaft darüber nachdenken – wer diese Menschen sind, warum sie gehen wollen und ob Deutschland in ihren Lebensplanungen überhaupt noch eine spätere Rolle spielt.

Genau an diesem Punkt stößt die historische Wanderungsstatistik an ihre Grenze.

Aktuelle Befragungen liefern darauf eine erste, bemerkenswerte Antwort:

8,2 Millionen erwachsene Deutsche planen laut einer repräsentativen INSA-Umfrage, innerhalb der kommenden fünf Jahre auszuwandern.

Unter jungen Erwachsenen ist die Bereitschaft noch erheblich größer.

Ob daraus tatsächlich Millionen Auswanderer werden, weiß heute niemand.

Aber möglicherweise lautet die entscheidende Frage ohnehin nicht, wie viele am Ende wirklich gehen.

Sondern:

Warum inzwischen so viele darüber nachdenken.

Quellen & weiterführende Daten

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